Die erzkonservative Politikerin gilt als lauteste Trump-Kritikerin unter den Republikanern. Dafür hat sie einen hohen Preis gezahlt. Sie verlor ihre Führungsrolle innerhalb der Partei und schließlich auch ihren Sitz im Repräsentantenhaus. Im Untersuchungsausschusses zum Angriff auf das US-Kapitol nahm sie eine führende Rolle ein und warnte immer wieder davor, dass von Trump eine Gefahr für die Demokratie ausgehe. Doch Cheney wendete sich erst nach der Kapitol-Attacke offen gegen Trump. Zuvor unterstützte sie seine Politik weitgehend.
In ihrem neuen Buch teilt die 57-Jährige auch gegen ihre Partei aus: "Wir haben inzwischen auch gelernt, dass die meisten Republikaner im Kongress das tun werden, was Donald Trump verlangt, egal was es ist." Die USA könnten nicht mehr auf die gewählten Republikaner zählen, das Land zu schützen. Cheney zeigt sich offen für eine Kandidatur als unabhängige Kandidatin bei der Präsidentenwahl 2024, sollte Trump der Kandidat ihrer Partei werden. Allerdings werden der Tochter des ehemaligen US-Vize Dick Cheney keine Chancen eingeräumt.
Besonders verheerend schneidet der ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy, ab, der ihr gesagt habe, dass Trump wusste, dass er die Wahl im Jahr 2020 verloren hatte. Cheney kritisiert auch McCarthys Nachfolger, den Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson, der "besonders anfällig für Schmeicheleien von Trump zu sein schien und danach strebte, irgendwo in Trumps Einflusssphäre zu stehen", schreibt sie.
In ihrem Buch beschreibt Cheney, wie ihre republikanischen Kollegen von der Verurteilung Trumps dazu übergingen, sich wieder einzureihen und seine Behauptungen des Wahlbetrugs zu unterstützen. Cheney enthüllt zum ersten Mal, dass McCarthy ihr nur zwei Tage nach dem Wahltag erzählt hat, dass er mit Trump gesprochen hat und dass Trump zugegeben hat, dass er die Wahl 2020 verloren hat. "Er weiß, dass es vorbei ist", sagte McCarthy dem Buch zufolge. "Er muss alle Phasen der Trauer durchmachen."
Cheney stützt sich auf Echtzeit-SMS, E-Mails, Anrufe und Treffen sowie persönliche Gespräche und bezeichnet ihre republikanischen Kollegen als Heuchler – die wussten, dass Trump verloren hatte, aber trotzdem seinen Befehl folgtem – und sagt, ihre Komplizenschaft sei eine Bedrohung für die Demokratie. "Die Verlockung der Macht ist so stark, dass Männer und Frauen, die einst vernünftig und verantwortungsbewusst gewirkt hatten, plötzlich bereit waren, aus politischer Zweckmäßigkeit und Loyalität gegenüber Donald Trump ihren Eid auf die Verfassung zu brechen", schreibt Cheney.
Cheney hat geschworen, alles Notwendige zu tun, um Trump an der Rückkehr ins Weiße Haus zu hindern. Wenn Trump der Kandidat der Partei ist, hat Cheney angekündigt, dass sie die Republikaner verlassen wird. Trump-Sprecher Steven Cheung sagte, dass Cheneys Buch "in die Belletristik-Abteilung des Buchladens" gehöre. "Das sind nichts weiter als völlig erfundene Geschichten", sagte er.