Pistorius wies zugleich Rufe nach mehr deutscher Militärhilfe für die Ukraine zurück und wies auf die Grenzen der Unterstützung durch die Bundeswehr hin. "Wir können nicht "all in" gehen, wie das manche fordern. Sonst stünden wir selbst schutzlos da", sagte der Minister. "Wir haben bislang alles geliefert, was geht", fügte er hinzu. Von allen EU-Staaten leiste Deutschland bereits am meisten, nun sei es an den anderen europäischen Partnern, mehr zu tun. "Es muss jedem klar sein: Wenn Putin diesen Krieg gewinnt und die Ukraine besetzt, steigt natürlich auch die Gefahr für das Bündnisgebiet", mahnte der SPD-Politiker.
Auch der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis warnt vor einer Niederlage der Ukraine. Sollte die Ukraine Russland nicht besiegen, wird es nach seinen Worten auch für Europa kein gutes Ende nehmen. "Es gibt kein Szenario, in dem es für Europa gut ausgehen könnte, wenn die Ukraine nicht gewinnt", sagte Landsbergis der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag am Rande des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Alpenort Davos. Es bestünde die Möglichkeit, dass die russische Aggression in der Ukraine nicht eingedämmt werden könne, warnte er.
Europa habe "die Realität nicht erkannt" - nämlich dass das, was in der Ukraine geschieht, "der Krieg Europas" sei, sagte der litauische Politiker und forderte, Europa müsse mehr tun, um sich auf mögliche zukünftige Aggressionen Russlands gegen andere europäische Länder vorzubereiten. Eine Maßnahme sei ein gemeinsames Beschaffungswesen. "Wir könnten Dinge beschaffen, die für die Verteidigung Europas nötig sind", sagte er.
Der Krieg in der Ukraine ist auf dem Weltwirtschaftsforum ein vorherrschendes Thema. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm zum ersten Mal seit Beginn des seit fast zwei Jahren andauernden Kriegs persönlich an dem Forum teil, um für weitere Unterstützung für sein Land zu werben.
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán wiederholte unterdessen seine Forderung, die EU-Unterstützung für die Ukraine jährlich zu überprüfen. Orbáns Stabschef Gergely Gulyas sagte, Ungarn verhandele mit der EU über Hilfe für die Ukraine, es sei jedoch nicht sicher, ob eine Einigung erzielt werde. Gelingt dies nicht, könnten die anderen 26 EU-Mitglieder auch ohne Ungarn eine Lösung finden.
Selenskyj hatte zuvor ebenfalls gewarnt, dass ihre Armee mit einem "sehr realen und dringenden" Munitionsmangel konfrontiert sei, als bei einem Treffen in Paris ein neuer 23-Länder-Vertrag zur Versorgung der Ukraine mit Artillerie vereinbart wurde. Die "Artillerie-Koalition" gehört zur größeren Ramstein-Kontaktgruppe, die mehr als 50 Länder umfasst, die die Ukraine unterstützen.