Trotzdem dürfte der jüngste Washington-Besuch für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eine äußerst beunruhigende Erfahrung gewesen sein. Vor neun Monaten noch war er im Kongress als Held gefeiert worden. Dieses Mal schlug ihn aus der republikanischen Partei offene Feindseligkeit entgegen.
Die Stimmung hat sich gedreht in der amerikanischen Öffentlichkeit, die mehrheitlich inzwischen kriegsmüde ist. Und Donald Trumps Gesinnungsgenossen nutzen die Lage aus, um die Migrationskrise an der US-Südgrenze gnadenlos populistisch gegen das Leid im fernen Europa auszuspielen. Die Ukraine ist ihnen gleichgültig oder gar suspekt, weil sie heimliche Sympathien für den russischen Autokraten Wladimir Putin hegen.
Ganz offen fordern die ultrarechten Republikaner einen Stopp jeglicher Unterstützung und sabotieren die Einbringung des Militärhaushaltes. Noch haben die Demokraten im Senat die Mehrheit, und im Weißen Haus sitzt ein demokratischer Präsident, der die Blockade mit allerlei Winkelzügen auszuhebeln versuchen kann. Doch nach der Wahl im nächsten Jahr könnte das anders sein. Ein Präsident Trump würde den Geldhahn für die Ukraine sofort zudrehen und mit Putin freudig einen "Friedens-Deal" aushandeln.
Die Zeit für Kiew wird also knapp. Das weiß auch Selenskyj, der in Washington auffällig oft "Danke" sagte und anders als bei seinem letzten Besuch keine Forderungen formulierte. Das ist eine kluge Strategie. Doch im Falle eines Trump-Sieges würden der Ukraine auch Höflichkeit und Bescheidenheit nicht mehr helfen.
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