Sie fügte hinzu: "Nicht zuletzt würden die jungen Menschen in ganz erheblicher Weise dann auch in der Wirtschaft fehlen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit nur eine Wehrpflicht für junge Männer und Frauen gleichermaßen infrage käme."
Verteidigungsminister Boris Pistorius hält es für einen Fehler, dass der verpflichtende Dienst bei der Bundeswehr abgeschafft wurde. In einem Gespräch mit "Zeit Online" kündigte der SPD-Politiker jetzt an, dass ihm bis Ostern 2024 Pläne vorgelegt werden sollen, "wie man die Struktur der Bundeswehr so verändern muss, dass sie die Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung bestmöglich erfüllen kann". Formal gibt es noch die Wehrpflicht in Deutschland, sobald nach Paragraph 2 des Wehrpflichtgesetzes (WPflG) der grundgesetzlich geregelte Spannungs- oder Verteidigungsfall festgestellt wird. Die Verpflichtung zur Ableistung des Grundwehrdienstes im Frieden ist aber seit dem 1. Juli 2011 ausgesetzt.
Vorrangig geht es um die Verteidigungsfähigkeit des Landes und um die Schlagkraft der Bundeswehr. Die Frage, für welche Aufgaben Deutschland seine Armee braucht, muss neu gestellt werden – auch unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Die Sorge, dass die Bundesrepublik in einen Krieg hineingezogen werden könnte, ist inzwischen real. Der Zustand der Bundeswehr trägt den neuen Herausforderungen allerdings in vielerlei Hinsicht nicht Rechnung. Pistorius sagt, das Land müsse "kriegstüchtig" werden.
Einer Umfrage zufolge würden sich im Fall eines militärischen Angriffs auf Deutschland nur rund 5 Prozent der Bürgerinnen und Bürger zum Kriegsdienst melden. Jeder Zehnte wäre zumindest darauf eingestellt, das Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Laut der YouGov-Erhebung im Auftrag der dpa würde fast jeder vierte Deutsche im Kriegsfall so schnell wie möglich das Land verlassen wollen.
Mittlerweile gibt es noch in Estland, Litauen (wieder eingeführt 2015), Norwegen (seit 2015 auch für Frauen), Schweden (2017 eingeführt), Österreich, der Schweiz, Griechenland und der Türkei die Wehrpflicht. In Dänemark besteht eine Sonderform sowohl für Männer als auch für Frauen: Wehrpflichtige werden nur dann einberufen, wenn sich nicht genug Freiwillige melden.
Um die Jahrtausendwende hatten 28 europäische Länder – darunter auch Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – die Wehrpflicht. Nachdem 2004 die Tschechische Republik sich als erster europäischer Staat von einem verpflichtenden Militärdienst abwandte, folgte sukzessive ein Großteil der anderen Nationen Europas. Das Vereinigte Königreich, die USA und Kanada haben bereits seit 50 Jahren oder mehr reine Berufsarmeen.
Frankreich debattiert beispielsweise über eine "Wehrpflicht light". Präsident Emmanuel Macron hat 2019 den "Universellen Nationaldienst" eingeführt. In diesem Rahmen können junge Menschen freiwillig für einen Monat dem Wohl ihres Landes dienen. Nun überlegt die Regierung, dies für alle Französinnen und Franzosen zwischen 15 und 17 Jahren zur Pflicht zu machen.
Den niederländischen Streitkräften fehlen etwa 9.000 Rekruten. Deshalb überlegte die – mittlerweile abgewählte – Regierung, die Armee über einen Pflichtdienst aufzustocken.
Lettland – das einzige baltische Land ohne Wehrpflicht, das an Russland grenzt – will ab 2024 alle 18- bis 27-jährigen Männer eine elfmonatige Soldatenausbildung absolvieren lassen.
Polen, wo 2008 die Wehrpflicht abgeschafft wurde, bietet "Schnupperkurse" für Freiwillige an. Laut dem Verteidigungsministerium haben sich allein 2023 etwa 13.000 Interessenten zum Militär gemeldet – für einen sogenannten freiwilligen, einjährigen Wehrdienst.
Die Bundeswehr leidet unter anderem unter erheblichen Personalproblemen. So umfasst sie derzeit 181.000 Soldatinnen und Soldaten; die Zielgröße beträgt allerdings 203.000 – und gilt unter den gegenwärtigen demografischen Bedingungen als unerreichbar.