Die GDL und ihr Gewerkschaftschef Claus Weselsky hatten unter dem Motto: "Fünf für Fünf" unter anderem 555 Euro monatlich mehr für alle und eine Absenkung der Arbeitszeit von 38 auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich gefordert. Dazu kommen 3000 Euro Inflationsausgleichsprämie, höhere Arbeitgeberanteile für die betriebliche Altersversorgung und die Einführung einer Fünf-Schichten-Woche.
Besonders die 35-Stunden-Woche und die Fünf-Schichten-Forderung hält Bahn-Tarifvorstand Martin Seiler für unerfüllbar, wie er immer wieder betonte. Der Grund: Wegen eines Mangels an Lok- und Triebfahrzeugführern musste die Bahn bereits in den vergangenen Monaten immer wieder Fahrpläne ausdünnen und Fahrten ausfallen lassen. Würden die GDL-Forderungen erfüllt, müssten 10 Prozent mehr Lokführer eingestellt werden. Konzernweit würde das bis zu 10.000 Stellen mehr bedeuten.
Am Donnerstag kommen DB und GDL erstmals zur Verhandlungsrunde in Berlin zusammen. Mit dem Angebot will der Konzern versuchen, eine Konfrontationsspirale zu verhindern, die Weselsky in den vergangenen Tagen weiter angeheizt hat.
Der "Augsburger Allgemeinen" sagte er: "Von unseren Mitgliedern höre ich immer wieder nur eines: Sage uns nicht, dass es mit Streiks losgeht, sondern wann es losgeht." Weselsky kündigte an: "Die Beschäftigten der Bahn haben die Messer schon gewetzt und wollen die Auseinandersetzung." Vor allem das Sprachbild der "gewetzten Messer" kommt beim Konzernvorstand alles andere als gut an. Auf die Provokation reagiert die DB nun mit demonstrativer Verhandlungsbereitschaft.
Dennoch gehen beide Seiten davon aus, dass die Verhandlungen am Donnerstag eher kurz und ergebnislos ausfallen werden. Weselsky hat den Weg für die kommenden Wochen bereits vorgezeichnet: Nach einer Urabstimmung könnten in der Adventszeit unbefristete Streiks auf die Bahnkundinnen und -kunden zukommen. Auch die Weihnachtstage will die GDL explizit nicht ausklammern. Bereits die Ankündigung führe zu wirtschaftlichen Schäden, klagt man im Konzern, da Reisende wegen der Unsicherheit davor zurückschrecken könnten, ihre Fahrten an den Feiertagen frühzeitig zu buchen.
Nach zwei Warnstreiks der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) im Frühjahr könnte das Jahr also mit einem weiteren Arbeitskampf, diesmal mit der kleineren der beiden Bahnergewerkschaften, zu Ende gehen.
Vor der ersten Verhandlungsrunde zwischen DB und GDL hat der Fahrgastverband Pro Bahn an die Gewerkschaft appelliert, nicht in den Weihnachtsferien zu streiken. Der Pro-Bahn-Vorsitzende Detlef Neuß sagte: "Die GDL sollte sich hüten, Millionen Menschen das Weihnachts- und Silvesterfest durch Streiks zu verderben. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat in ihrer Tarifrunde auf Streiks in den Sommerferien verzichtet, die GDL sollte jetzt dasselbe tun. Wenn zu den weihnachtlichen Familientreffen keine Züge fahren, wäre das eine extreme Belastung für sehr viele Menschen."
Neuß unterstützt die Forderungen der GDL nach mehr Geld für ihre Mitglieder. Er sagte: "Lokführer und Zugbegleiter sind bei der Bahn besonders stark belastet. Es wäre angemessen, diese Berufsgruppen besser zu bezahlen. Sie haben oft auch einen großen Berg an Überstunden aufgebaut, weil sie ebenso wie die Fahrgäste von den vielen Baustellen und Verspätungen betroffen waren."
Die GDL fordert aber auch eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Dazu sagte Neuß: "Die GDL-Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ist einerseits verständlich, andererseits aus Sicht der Fahrgäste hoch problematisch. Bereits jetzt fallen Züge aus, weil Personal fehlt. Eine 35-Stunden-Woche würde dieses Problem verschärfen. Fahrplantakte müssten ausgedünnt werden, es könnten weniger Züge fahren, die Fahrgäste wären die Leidtragenden. Für die Verkehrswende wäre das katastrophal."