Selenskyj kritisierte zudem europäische Staats- und Regierungschefs, die er "täglich" um Waffen und Sanktionen gebeten habe. "Wenn alle davon wussten, dass Putin in unser Land einmarschieren würde, warum haben sie dann keine Sanktionen verhängt? Es ist doch absolut lächerlich, wenn ihr alle öffentlich für uns eintretet und trotzdem gern die Sanktionen umgeht oder Waffen zurückhaltet", sagte er. Über die Unterstützung von Verbündeten in den ersten Tagen des russischen Angriffs auf sein Land sagte Selensky: "Ich sage nicht, dass es ideal lief." Eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob er zufrieden sei, werde er geben, wenn der Krieg vorbei ist.
Der Kanzler arbeitet derzeit daran, eine Koalition zur Unterstützung der Ukraine mit Leopard-Panzern zu schmieden. Am Donnerstag nahm Selenskyj am EU-Gipfel in Brüssel teil.
Selenskyj hat nach eigenen Angaben bei seinen Gesprächen mit den europäischen Verbündeten über weitere Waffenlieferungen für den Kampf gegen die russischen Angreifer Fortschritte gemacht. Sein Besuch in London habe die Entscheidungen über die Lieferung weitreichender Waffen und die Ausbildung von Piloten näher gebracht, sagte Selenskyj am Donnerstag auf einer Pressekonferenz am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. "Das ist wirklich ein gewisser Schritt zur Lieferung von Kampfflugzeugen." "Wir haben an der Stärkung unserer Offensivfähigkeiten gearbeitet", sagte er. "Wir reden von gepanzerter Technik und Panzern. Ich habe Positives von unserem Treffen mitgenommen."
Weitere Einzelheiten seiner Gespräche in London, Paris und Brüssel nannte er zunächst nicht und begründete das damit, dass er Russland keine Informationen darüber liefern wolle. Er betonte aber erneut, wie wichtig weitere Waffenlieferungen für die Ukraine seien. "Ich hab kein Recht ohne Ergebnisse nach Hause zu kommen. Das hängt sowohl von den Partnern, aber auch von mir persönlich ab", sagte er. "Ich halte es für angebracht der Ukraine zu helfen, denn in der Regel hilfst du auch dir selbst. (...) Um zu überleben brauchen wir diese Waffen. Um zu überleben, brauchen wir dieses Geld."
Bulgariens Präsident Rumen Radew hat sich unterdessen entgegen der Stimmung beim EU-Gipfel in Brüssel gegen weitere Militärhilfe seines Landes für die Ukraine ausgesprochen. Das einstige Ostblockland hatte erst Ende 2022 erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs ein militärisches Hilfspaket für Kiew aus den Beständen seiner Streitkräfte auf den Weg gebracht. "Ich hoffe, dass die Regierung Vernunft zeigt und das in Zukunft nicht mehr zugelassen wird", sagte Radew am Donnerstag bei seiner Ankunft beim EU-Gipfel nach einem Bericht des bulgarischen Staatsfernsehens BNT.
"Ich höre immer seltener Aufrufe zum Frieden, und nur zum Sieg, ohne dass irgendwo irgendjemand definiert hat, was Sieg bedeutet", so der frühere Kampfjetpilot und Luftwaffen-Chef. Bulgarien werde der Ukraine und den ukrainischen Flüchtlingen weiter helfen, aber es sei Zeit, dass "Maßnahmen zum Beenden des Konflikts" formuliert würden, sagte Radew. Er wolle sich bei der EU dafür einsetzen, dass wir "die Debatte in Richtung Einstellung der Militärhandlungen" führen können.
Bulgariens Präsident drohte außerdem mit einem Veto seines Landes, sollte ein zehntes EU-Sanktionspaket gegen Russland auch Sanktionen im Bereich der Atomenergiewirtschaft enthalten. "Da, wo unsere Interessen direkt gefährdet sind (...), sind wir sehr aufmerksam und beobachten die Dinge. Falls notwendig, werden wir ein Veto verhängen", sagte Radew. In der Energiekrise infolge des Kriegs ist Bulgarien auf den Atomstrom aus dem Kernkraftwerk Kosloduj sowjetischer Bauart angewiesen. Sofia hatte erst Ende 2022 Verträge mit westlichen Partnern für Brennstoff für Kosloduj unterzeichnet.
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