Die Berichte im meistens sehr gut informierten El Confidencial sprechen konkret von einem spanischen Veto gegen die Ausweitung der schon lange bestehenden Operation Atalanta (gegen die Piraterie vor der Küste Somalias) auf das Rote Meer, um den internationalen Schiffsverkehr durch den Suezkanal vor Drohnen- und Raketenangriffen der jemenitischen Huthi-Rebellen zu sichern.
Mit dieser Ausweitung ist Spanien nicht einverstanden – zur großen Verwunderung der EU-Partner. Das bestätigen Diplomaten der Europäischen Union: Spanien zögere eine Entscheidung zur Erweiterung der Aufgaben der Operation Atalanta heraus, während "alle anderen Mitgliedsstaaten" bereit seien, diesen Weg (der Atalanta-Ausweitung) zu gehen. Doch ohne die Zustimmung Spaniens muss die EU nun andere, komplizierte Lösungen suchen. Gegen solche anderen Lösungen hat Spanien nichts einzuwenden – will sich aber keineswegs selbst am Schutz einer der Hauptschlagadern des Welthandels beteiligen.
Am Montag vergangener Woche hatte der US-amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin eine Militär-"Operation Prosperity Guardian" angekündigt, um den Schiffsverkehr auf dem Roten Meer gegen die "rücksichtslosen Huthi-Angriffe aus dem Jemen" zu schützen. "Mehrere Länder" wollten sich an dieser Operation beteiligen, versicherte Austin, und nannte ausdrücklich Spanien.
Nach einer Presseinformation von Maersk, einer der größten Containerschiff-Reedereien der Welt, vom Heiligabend ist die Operation inzwischen angelaufen. "Dies ist eine hochwillkommene Nachricht für die gesamte Industrie", schreibt das dänische Unternehmen, "und in der Tat für die Funktionsfähigkeit des Welthandels." Maersk bereite die Wiederaufnahme seines Schiffsverkehrs über das Rote Meer vor. Doch an dieser Entwicklung hat Spanien keinen Anteil.
Am Mittwoch hatte sich das Politische und Sicherheitspolitische Komitee (PSK) der EU versammelt, um über eine gemeinsame Unterstützung der Operation Prosperity Guardian zu beraten. Die Diplomaten einigten sich darauf, die seit 2008 laufende Operation Atalanta (das offizielle Kürzel dafür ist EUNAVFOR ATALANTA) aufs Rote Meer auszuweiten. Der Chef dieser Operation ist ein Spanier, der Vizeadmiral Ignacio Villanueva.
Laut El Confidencial veröffentlichte Villanueva einen kurzen Text im Netz, den er später wieder löschte: "Als Antwort auf den festen Zusammenhalt der EU-Mitgliedstaaten hat die EUNAVFOR ATALANTA bereits begonnen, mit der US-Operation Prosperity Guardian im südlichen Roten Meer zusammenzuarbeiten, und rechnet damit, dass sie durch eine gezielte Aufgabenverteilung und angemessene Kapazitäten noch mehr Unterstützung leisten wird."
Doch es kam anders. Am Donnerstag traf sich ein weiteres EU-Gremium, die Gruppe der Referenten für Außenbeziehungen (Relex), um der Entscheidung vom Vortag ihren Segen zu geben – aber diesmal stellte sich Spanien, offenbar auf Veranlassung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, quer. Als Grund gab das spanische Verteidigungsministerium mit zwei Tagen Verspätung die Atalanta-Verpflichtungen vor der Küste Somalias an, die keine Ausweitung der Operation ins Rote Meer erlaubten. Stattdessen erwartet Spanien von seinen EU-Partnern jetzt den Aufbau einer neuen Mission, der sich Spanien "keineswegs entgegenstellen" wolle. Für diese Entscheidung erhielt Spanien das unerbetene Dankeschön eines Vertreters der Huthi-Rebellen.
Die spanische Regierung gibt nur ausweichende Antworten auf die Gründe für den Affront gegen die EU-Partner. Mutmaßlich steckt dahinter der Unwille, im Nahen Osten mit den USA gemeinsam militärisch aktiv zu werden. US-Präsident Joe Biden rief am Freitagabend bei Sánchez in Madrid an, konnte ihn aber zu keinem Meinungsumschwung bewegen.